Angst vor Spinnen


WOM Journal
May 96
Kirsten Borchardt

Vier Jahre lieBen sich The Cure seit ihrem letzten Album Zeit fur ein neues. Nach so langer Zeit hatten Robert Smith und bassist Simon Gallup naturlich ein ganze Menge zu erzahlen, nicht nur uber Umbesetzungen Hohenangst und Wild Mood Swings.

Vier Jahre sind eine lange Zeit. Wie sind die songs auf Wild Mood Swings enstanden?

Simon: Jeder von uns hat ein kleines Studio zu Hause, dort arbeiten wir in Ruhe die ersten Ideen aus. Wenn wir alle ein paar Songs gessammelt haben, treffen wir uns und spielen sie einfach immer und immer wieder, bis sie anfangen, nach Cure zu klingen. Egal wer den Song mitbringt, am Ende ist es immer ein Song der ganzen Band.

Die Texte stammen fast immer nur von Robert. LaBt er euch nicht ran oder habt ihr nichts zu sagen?

Simon: Ich glaube, Robert ware sehr glucklich, wenn wir gelegentlich ein paar Zeilen mitbrachten. Aber in mir herrscht immer so ein emotionales Durcheinander, das schreib' ich lieber nicht auf. AuBerdem ist Robert ein wirklich guter Texter, wozu sollte ich es auch noch versuchen? Das ware, als ob irgendein Zweitligist gegen den FC Arsenal spielen wollte.

Nach lenger Zeit gab es jetzt mal wieder ein Besetzungsweschsel bei euch. Kam das uberraschend?

Simon: Wir wuBeten seit der Wish Tour, daB Porl Thompson gehen wollte, und da haben wir zunachst einfach zu viert weitergemacht. Der Austieg unseres Schlagzeurs Boris Williams hat uns mehr geschockt. Aber es war gut so, sonst hatten wir unseren neuen Drummer Jason Cooper ja nicht kennengelernt. Seitdem ist eine ganz neue Energie in der Band, als wurden wir nochmal ganz von vorn anfangen.

Robert: Ja, Jason hat der Band eine Art Unschuld wiedergegeben, die uns in den letzen Jahren gefehlt hat. Viele Dinge, die wir ange gewohnt sind, macht er jetzt zum ersten Mal, und da ist noch dieses Staunen da. Das habe ich gemerkt, als wir nach Brasilien gefahren sind. Ich war einfach schon viel zu abgebruht - na ja, wieder mal Brasilien - aber dann habe ich Jason angesehen und gedacht, verdammt, er hat recht, wir sind in Brasilien, das ist eigentlich wahnsinnig toll!

Hat sich durch die Umbesetzung euer Sound verandert?

Robert: Etwas schon - wir hatten diesmal acht Streicher und sieben Blaser dabei. Es haben viele Fremde auf dem Album gespielt, was es bisher so noch nie gab. Das hat der Musik eine zusatzliche Dimension gegeben, mit der ich sehr zufrieden bin. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen dieser Platte und der letzten, aber die neue ist uppiger, mit einem viel breiteren Spektrum. Fur mich war Wish das beste, was The Cure je gemacht haben, aber mit ein biBchen Gluck ist Wild Mood Swings noch besser geworden.

Textlich spielen auch diesmal underfullte Wunsche eine groBe Rolle, stimmt's?

Robert: Stimmt. Ich wollte dieses sehnsuchteige Gefuhl ausdrucken, das mich sogar dann underfallt, wenn ich wirklich alles habe oder etwas tue, was mich eigentlich vollig absorbieren sollte. Da ist dann trotzdem etwas in mir, das immer und immer mehr will. Positiv daran ist, daB ich dadurch versuche, noch besser zu werden. Die Kehreseite ist aber, daB ich einfach nie zufrieden bin.

Mit materiellen Dingen hat das aber schon lange nichts mehr zu tun?

Robert: Uberhaupt nicht. Ich habe noche Songs uber materielle Dinge geschrieben. Als ich gar nichts hatte, war ich genauso glucklich oder unglucklich wie jetzt. Man kann sich mit geld Freihart erkaufen, aber Gluck nicht. Gluck ist sehr fluchtig. Wenn ich glucklich bin, ist es fast, als wurde ich nur darauf warten, wieder unglucklich zu werden.

Hast du Angst, den Auguenblick richtig zu genieBen es sein konnte, daB er nicht lange daubert?

Robert: Ja. Das hat zu meinen Experimenten mit Drogen and Alkohol gefuhrt, weil man dann Hemmungen und Angst verliert und Gluck in einer ganz reinen Art erfahrt. Heute greife ich nur noch sehr selten darauf zuruck - ich habe gesehen, was vielen Freunden auf diesem Weg geschehen ist.

Er fuhrt letzlich zu einer Art Gehirntod. Ich versuche, andere Moglichkeiten zu finden, bin heute viel entspannter.

Hast du auch die vielen Angste verloren, von denen Cure-Songs oft handelten?

Robert: Einge. Meine Panik vorm Fliegen ist weg, die Hohenangst auch. Ich denke, daB das eiglentlich die Angst vorm Sterben war, die ich nicht in den Griff bekommen hatte. Seit dem letzten Album hat es in meiner Familie zwei Todesfalle gegeben, die meine Einstellung gegenuber dem Tod komplett geandert haben. Ich habe diese romantische Vorstellung verlorean, daB der Tod etwas Wurdevolles ist, und war gezwungen, mich endlich mit dieser grundlegenden Angst auseinanderzusetzen. Aber geblieben ist meine Angst vor Spinnen. Das war graBlich in Brasilien...Ich habe im Hotel das Badlicht angeschaltet und sah all die Schatten, die in die Ecken fluchteten. Da bin ich komplett ausgerastet, hab' sogar unters Bett geguckt, was sonst nun wirklich nicht meine Art ist. Bei der Ruckker lieB mich meine Frau Mary meine Sachen vor der Haustur auspaken,um sicherzugehen, daB ich keine Spinnen aus Brasilien bei uns einschleppe.

Sitzt mir da heute ein Robert Smith gegenuber, der generell vollg mit sich in Einklang ist?

Robert: Es sind noch Spuren von der alten Unischerheit da. Aber ich versuche jetzt, realistischere Ziere zu erreichen, renne nicht mehr wie veruckt gegen die Wand.

In deinen Texten spielen Bezielehungen eine groBe Rolle. Wie ist eightentlich deine Einstellung zu Liebe und Treue?

Robert: Wir hatten in der Band ein paar Diskussionen uber Monogamie - ob die korperliche und geistige Intimitat, die man in einer monogamen Beziehung erreicht, erfullender ist als eine kurze, oberflachliche Intimitat mit verschiedenen Menschen. Ich denke, daB man alles viel intensiver erlebt, wenn man es mit einem einzigen Menschen zu erreichen versucht. Wenn ich mich auf viele Menschen einstellen muB, bekommt jeder von ihnen nur ganz wenig von mir. Einige in der Band haben ganz andere Einstellungen. Ich habe versucht, auch die in einem Song darzustellen - der heiBt allerdings This Is A Lie. Es war sehr seltsam, einen Song uber fremde Ansichten zu schreiben, aber auf dieser Platte geht es zum ersten Mal nicht nur um meine Gefuhle.

Was bedeutet dir dein Supersta-Status?

Robert: Meistens lache ich uber die Schmeicheleien, weil ich weiB, wie ich wirklich bin. Klar, durch meine Arbeit entsteht ein Image, das auf mich projiziert wird und das manchmal sehr verfuhrerisch aussieht. Die Leute wollen glauben, daB es da etwas Magisches gibt, eine vollig andere Welt. Das ist uberhaupt nicht so. Sich zu verkleiden und zur Schau zu stellen, ist eigentlich ziemlich profan und ziemlich blod. Aber manchmal ist da doch mehr: Wenn wir Mucik machen, hat das fur mich tatsachlich mit Magie Zu tun.


Last Revised: Monday, 15-May-2006 14:59:52 CDT

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